ALL-ZEIT

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Meine Bilder

Ein junger Mann hat einmal von mir verlangt, Unvorstellbares zu malen. Er wünschte sich ein Bild, auf dem etwas zu sehen ist, das er sich nicht vorstellen kann. Sobald ich aber den Pinsel ansetze, wird aus der Einheit auf der Leinwand die Zweiheit. Ein einziger Punkt auf der weißen Fläche macht es uns möglich zu unterscheiden. Wären wir nicht in der Dualität daheim, gäbe es keine Unterschiede.
Und somit nichts Vorstellbares.
Ich habe mich mit Einstein befasst, um dem Wunsch des jungen Mannes auf irgendeine Art entsprechen zu können.
Und immer wieder die Zeit …
Das Ölbild »All-Zeit« ist entstanden. (140x200cm) Ich habe nichts Neues, Unbekanntes geschaffen. Ich kann nur mir bereits Bekanntes, Erfahrenes oder Gelerntes wiedergeben.
Auf meine Art. Das ist das einzig Spezielle.
In meinen Bildern ist der Mensch mit der Natur verbunden. Weil jeder von uns und alles um uns ein Teilchen von unserer Mutter Gaja ist. Ich male Bilder aus meinem Inneren – und versuche in die Tiefen der menschlichen Seele zu schauen. Was dabei entsteht, ist ein fantastischer Realismus.
Wie sind deine Vorstellungen zu diesem Thema?
Möchtest du mit mir darüber philosophieren?



Und noch ein Bild, das dich zum Nachdenken anregen könnte:

Rückblick auf den Tanz des Lebens
140x200cm

Porträt meiner Mutter




Zum Abschluss dieser Seite eine Geschichte für Romantiker und Romantikerinnen:

Spätes Glück

Am Ende der Welt leuchtete ein gespenstisches Licht, kroch hinter den im morgendlichen Dunst liegenden Alpen hervor, verbrämte die Zacken der Berge mit einem rötlichen Schimmer. Nach wenigen Sekunden schien der Horizont zu brennen, und schon lugte der Rand des Feuerballs über die fernen Gipfel. Rasch stieg die Sonne in den zartblauen Himmel hinauf, verlor die kräftige Farbe, bündelte das Licht in gleißende Strahlen, verzauberte die Tautropfen auf der Waldwiese in ein Meer von funkelnden Diamanten.
Ich drückte ein paarmal auf den Auslöser, hüpfte übermütig durch das nasse Gras und pfiff meinem Hund, der einem unfreundlichen Jogger nachrennen wollte. Der Typ hatte keine Zeit, mein fröhliches »guten Morgen« zu erwidern. Was soll's!
Wie oft schon bannte ich diese für mich immer wieder phänomenale Stimmung eines Sonnenaufgangs auf den Film! Mein Mann Gabriel und ich waren Berufsfotografen, betrieben seit vielen Jahren ein gutgehendes Fotostudio in der Kleinstadt Kobern. Mit unserem großen Mischlingshund Asco verbrachte ich jeden Morgen zwei bis drei Stunden im nahen Hornauer Wald. Wir streunten vergnügt durch das Unterholz, als Asco plötzlich die Nase witternd in die Höhe hob. Zuerst glaubte ich, ein Fuchs schnüre sorglos in der Nähe vorbei, doch Ascos Verhalten deutete nicht auf eine Wildspur hin. Er zwängte sich unter ein Gebüsch und zerrte einen Plasiksack hervor, setzte sich hin und winselte.
»Was hast du denn da gefunden? Zeig her, Asco,«
Ich drückte gewohnheitsmäßig auf den Auslöser, streckte dann die Hand nach dem Sack aus – und zuckte zurück. War da nicht ein leises Wimmern zu hören? Asco stupfte vorsichtig an seine Beute und schaute mich mit treuem Hundeblick herausfordernd an. Wild pochte mein Herz, und mit zitternden Fingern öffnete ich die Tragtasche, bereit, sofort zurückzuspringen. Doch als ich hineinsehen konnte, stockte mir der Atem. Asco wedelte wie verrückt mit dem Schweif und begann zu bellen.

In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Ich sank auf die Knie, drückte den Sack bebend an meine Brust, spürte schmerzhaft einen Kloß im Hals, der mir den Atem nahm. Keuchend schnappte ich nach Luft. Heiß brachen die aufgestauten Gefühle aus meiner Seele, brannten in den Augen, bis endlich die erlösende Flut der Tränen mir Linderung verschaffte. Instinktiv schmiegte Asco sich an mich, leckte mir schlabbernd das salzige Wasser vom Gesicht, äugte aufgeregt hechelnd auf seinen Fund.
Fünfzehn Jahre waren Gabriel und ich verheiratet. Alma und Gabriel Schaller, ein glückliches Paar, kinderlos. Das war der einzige wunde Punkt in unserer Beziehung. Ganz hatten wir die Hoffnung nie aufgegeben, obwohl wir nicht mehr darüber sprachen. Vielleicht musste gerade ich dieses fortgeworfenen Kind finden, ich, die so gerne Mutter geworden wäre! Das kleine Wesen atmete, gab leise, herzergreifend jammernde Töne von sich, suchte die vermisste Wärme, die ich ihm geben wollte. Auf einmal hatte ich es sehr eilig. Das Neugeborenen brauchte ärztliche Hilfe!
Dank Ascos feiner Spürnase und meinem entschlossenen Handeln konnte das Baby gerettet werden. Es war ein Mädchen, das Gabriel und ich spontan Mia nannten. Der Name gefiel auch den Krankenschwestern und den Behörden. Da die leibliche Mutter nicht gefunden wurde, bekamen wir die kleine Mia nach zähem Ringen in Pflege. Bis das Findelkind uns zugesprochen wurde, gingen wir durch mehr als nur eine Hölle. Als wir nach zwei Jahren den Adoptionsvertrag unterschreiben durften, schwebten wir im siebten Himmel. Wir genossen das späte Glück in vollen Zügen, fotografierten von Beginn an jede Phase des prächtig gedeihenden Babys und stellten die gelungensten Bilder im Schaufenster aus. Das von unseren Kunden am meisten bewunderte Foto zeigte Mia auf der mit bunter Restwolle gehäkelten Decke, in die sie eingewickelt war, als Asco und ich sie fanden. Der Hund teilte unsere anhaltende Euphorie und wurde der kleinen Mia ein toller Spielgefährte.
Den ersten Trennungsschmerz erlebte ich, als Mia in den Kindergarten aufgenommen wurde. Gabriels weise Sprüche über die Kunst des Loslassens gingen mir auf die Nerven, obwohl er natürlich Recht hatte. Ich durfte das Kind nicht wie eine Trophäe hinter Glas geschützt verkümmern lassen, musste seine Kontaktfreudigkeit unterstützen und seine Selbstständigkeit fördern.
An einem wunderbaren Maitag kam Mia nicht aus dem Kindergarten nach Hause. Die Suche der Polizei blieb erfolglos. Gabriel, Asco und ich suchten die ganze Stadt ab, durchstöberten den Hornauer Wald kreuz und quer. Nichts. Für uns brach die heile Welt wie ein Kartenhaus zusammen. Ich verfiel in eine tiefe Depression, malte mir die grausigsten Taten aus, denen mein geliebtes Kind womöglich zum Opfer gefallen sein konnte. Nach einigen Wochen kam ich wieder zu mir, erwachte aus der Erstarrung, fand Trost in Gabriels Armen, der nicht weniger litt als ich. Gemeinsam versuchten wir, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen, gingen den täglichen Pflichten nach und hofften auf ein Wunder. Nach drei Monaten gab uns die Polizeipsychologin mit wenig tröstenden Worten zu verstehen, dass wir uns mit dem Verlust unserer Mia abfindn mussten.

Heute wäre Mia fünf Jahre alt geworden. Wir hockten vor dem Strauch im Hornauer Wald, wo Asco sie einst fand. Die fünf Kerzen brannten unbesungen ab, und wir fragten uns nach dem Sinn des Lebens. Energie war keine mehr vorhanden und die Motivation, weiter zu suchen, verblasste im Laufe der Zeit. Gabriel und ich klammerten uns an ein unbestimmbares Gefühl, das uns sagte, dass die kleine Mia lebte; dass es ihr gut ging.
Weihnachtstag … Wir hatten in unserem Fotogeschäft alle Hände voll zu tun. Die Arbeit lenkte uns ab, verschaffte Abstand vom Seelenschmerz, der unablässig an der Substanz unseres Seins nagte. Bald war Feierabend, die letzten Kunden wurden bedient.
Da hörten wir eine dünne Stimme wie Engelsgesang in unseren Ohren: »Mami! Papi!«
Der kleine Körper flog in unsere weit geöffneten Arme, die das so lange vermisste Kind umschlangen, zwischen unseren hämmernden Herzen einschlossen. Ich weiß nicht, wie lange wir so dastanden, nicht wagten, die Augen zu öffnen, aus Angst, einer Halluzination zum Opfer gefallen zu sein, oder ob tatsächlich unsere Mia zwischen uns atmete. Gabriel bemerkte die junge Frau zuerst, die wie zur Salzsäule erstarrt im Laden stand. Er löste sich sanft von Mia und mir, ging langsam auf sie zu.
»Haben sie unsere Tochter gefunden und uns wiedergebracht?«, fragte er leise.
Die Frau schöpfte tief Luft und brach zusammen.
»Ramona!«, rief Mia erschrocken, flüsterte ängstlich: »Ist sie tot, Mami? Sie hat gesagt, sie sei meine richtige Mutter. Ist das wahr?«
Heftig drückte ich Mia an mich und Gabriel murmelte: »Nein, Mia, sie ist ohnmächtig geworden. Ich rufe den Notarzt.«

Ramona hatte einen Kreislaukollaps erlitten. Die junge Frau war unterernährt und ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Einen winzigen Augenblick wünschte ich, der Faden möge reißen, fühlte sogleich Scham wie heiße Lava durch meinen ganzen Körper schießen. Trotz des unsäglichen Leids, das uns die Frau durch die Entführung Mias zugefügt hatte, durften wir sie nicht vorschnell verurteilen. Als wir mit Ramona sprechen durften, war sie noch sehr schwach. Ihre Beichte berührte uns schmerzhaft. Mit vierzehn wurde sie von ihrem drogensüchtigen Freund schwanger und ihre streitsüchtigen Eltern warfen sie aus dem Haus. Die beiden tauchten unter, schlugen sich irgendwie durch. In der Nacht, als das Baby kam, war sie mit ihrem Freund allein. Die Geburt verlief glatt, doch Ramona fühlte sich so miserabel, dass es ihr völlig egal war, was mit dem Kind geschah.
Ihr Freund war der Jogger gewesen, dem Asco nachrennen wollte!
Dass das Baby gefunden und gerettet und später adoptiert wurde, blieb den jungen Eltern nicht verborgen. Ramona wusste, wo ihr Kind sich befand. Oft kam sie aus der Großstadt und schlich um das »Fotogeschäft Schaller« herum, betrachtete die Fotos von ihrer kleinen Tochter im Schaufenster. Als ihr Freund an einer Überdosis krepierte, war sie plötzlich von dem Wunsch besessen, ihre Tochter bei sich haben zu müssen, um ein neues Leben beginnen zu können. Sie entführte Mia, versteckte das Kind in ihrem schäbigen Zuhause, wo sie ihre Freier empfing, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Überfordert und vom schlechten Gewissen geplagt, wurde Ramona magersüchtig. Völlig entkräftet entschloss sie sich, das Kind zurückzubringen.

Ramona musste ihre Strafe nicht im Gefängnis absitzen. Sie verbrachte zwei Jahre in einer Heilanstalt, dann durften wir sie bei uns aufnehmen. Sie war ja selber fast noch ein Kind! Wir bereuten nie, die leibliche Mutter unserer adoptierten Tochter bei uns aufgenommen zu haben. Auch ihr war ein spätes Glück beschieden, das sie dankbar annahm.
Copyright Roswitha Wegmann, Autorin





Lebenstanz